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Wie ein Spannungsbogen entsteht: Einblick in unsere Dramaturgiewerkstatt

Dr. Katharina Brandt

5 Min. Lesezeit

Von der ersten Skizze bis zum Schlussbild: Katharina Brandt zeigt, wie in der Akademie der Aufbau einer Keynote für große Auditorien Schritt für Schritt erarbeitet wird.

Wie ein Spannungsbogen entsteht: Einblick in unsere Dramaturgiewerkstatt

Der Anfang liegt auf dem Papier

Wenn ein Jahrgang beginnt, bitten wir niemanden, sofort aufzustehen und zu sprechen. Zuerst liegt die Rede als Papier vor uns: Stichpunkte, ein Foliensatz, manchmal ein ausformulierter Text, den eine Kommunikationsabteilung vorbereitet hat. Ich lese alles still und markiere nur eines: die Stellen, an denen ein Publikum in einem großen Saal aussteigen würde.

Meist sind das keine dramatischen Fehler. Es sind Übergänge, die nur dem Redner einleuchten, Zahlenreihen ohne Anlass oder ein Einstieg, der sich entschuldigt, bevor er etwas behauptet hat. In einem Raum mit mehreren Hundert Menschen trägt ein solcher Moment nicht, denn die hinteren Reihen haben weder Mimik noch Zwischentöne zur Verfügung.

Diese erste Lektüre dauert bei mir etwa eine Stunde pro Teilnehmerin oder Teilnehmer. Danach führen wir ein Gespräch ohne Mikrofon, in dem ich frage, was das Publikum nach dem letzten Satz anders tun oder denken soll. Erst wenn diese Antwort in einem Satz steht, beginnt die eigentliche Arbeit.

Die Karten an der Wand

Unser Werkzeug ist unscheinbar: Karteikarten, jede mit einem einzigen Gedanken beschriftet, und eine lange Wand im Seminarraum. Die Teilnehmenden hängen ihre Rede als Reihe auf und lernen dabei, dass ein Spannungsbogen eine Frage der Reihenfolge ist, nicht der Formulierung. Eine Karte, die man versetzt, verändert oft mehr als ein ganzer überarbeiteter Absatz.

Wir arbeiten mit einer einfachen Regel: Jede Karte muss entweder etwas öffnen oder etwas beantworten. Karten, die beides nicht tun, wandern in eine Ablage am Rand. Viele Führungskräfte tun sich damit anfangs schwer, weil gerade die Details, die ihnen am wichtigsten sind, dort landen. Meist finden sie später einen Platz als Antwort auf eine Rückfrage im Anschluss an die Keynote.

Entscheidend ist, dass die Gruppe mitliest. Die anderen im Jahrgang sind Vorstände und Geschäftsführende aus anderen Branchen. Sie erkennen sofort, wo Fachsprache einen Gedanken verdeckt, und sagen es mit einer Klarheit, die ich als Dozentin nicht immer aufbringen müsste.

  • Eine Karte, ein Gedanke
  • Jede Karte öffnet oder beantwortet
  • Überzähliges wandert in die Ablage

Der erste Satz und das Schlussbild

Zwei Stellen bearbeiten wir überproportional lang: den ersten Satz und das letzte Bild. Den Einstieg sprechen die Teilnehmenden zunächst zwanzigmal hintereinander, ohne Folie, mit Blick in einen leeren Saal. Es geht nicht um Auswendiglernen, sondern darum herauszufinden, welche Formulierung beim Sprechen trägt und welche nur gut aussieht, wenn man sie liest.

Das Schlussbild ist anspruchsvoller. Viele Reden enden mit einer Zusammenfassung, die das Gesagte wiederholt. Wir suchen stattdessen ein Bild, das aus dem Gesagten wächst und im Gedächtnis bleibt, wenn das Licht wieder angeht. Es darf konkret sein, eine Szene, ein Gegenstand, eine Entscheidung, die jemand getroffen hat.

Gelingt es, schließt sich der Bogen zum ersten Satz, ohne dass es konstruiert wirkt. Das Publikum spürt dann, dass die Rede einen Weg gegangen ist. Ob dieser Weg gelungen ist, zeigt sich in der Simulation, wenn der Saal still bleibt, statt nach dem Handy zu greifen.

Spannung entsteht aus Verzicht

Ein verbreiteter Irrtum lautet, Dramaturgie bedeute, mehr Effekte einzubauen. In der Praxis streichen wir viel mehr, als wir hinzufügen. Eine Keynote von vierzig Minuten verträgt selten mehr als drei tragende Gedanken, und jeder braucht Raum, damit er im großen Saal ankommt. Wer fünf Thesen unterbringt, verliert meist alle fünf.

Das Streichen fällt schwer, weil es wie Verlust wirkt. Wir üben es deshalb in kleinen Schritten: Zuerst wird die Rede um ein Viertel gekürzt, dann prüft die Gruppe, was gefehlt hat. Erstaunlich oft lautet die Antwort: nichts. Das Gefühl, etwas Wichtiges zu opfern, weicht dann der Erleichterung, dass der Kern deutlicher wird.

Pausen gehören ebenfalls zur Dramaturgie. Eine Sekunde Stille nach einer zentralen Aussage wirkt in einem Auditorium länger als im Gespräch. Wir legen diese Stellen gemeinsam im Manuskript fest und markieren sie, bis sie sich natürlich anfühlen.

  • Höchstens drei tragende Gedanken
  • Kürzen, dann prüfen, was fehlt
  • Pausen im Manuskript markieren

Von der Wand auf die Probebühne

Sobald die Reihenfolge steht, geht die Rede auf die Probebühne. Dort zeigt sich, was das Papier verschwiegen hat: Ein Übergang, der gelesen elegant war, stolpert gesprochen. Ein Gedanke, der auf der Wand stark wirkte, braucht im Saal eine Geste, einen Schritt oder einen Moment Ruhe. Wir überarbeiten das Manuskript nach jeder Probe, nicht erst am Ende.

Matthias Lindemann und Julia Hofmeister sitzen dann im simulierten Publikum, mal vorne, mal ganz hinten. Sie rückmelden, wo Stimme und Bewegung den Spannungsbogen stützen und wo sie ihn unterbrechen. Die Dramaturgie wird so nicht isoliert unterrichtet, sondern mit dem verbunden, was die Rede im Raum tatsächlich tut.

Am Ende steht eine vollständige Durchführung vor der Gruppe, ohne Unterbrechung. Danach sprechen wir über genau drei Dinge: was getragen hat, was gewackelt hat und was beim nächsten Mal anders beginnen soll.

Was Sie mitbringen sollten

Wer an der Dramaturgie arbeiten möchte, braucht keine fertige Rede. Hilfreich ist ein Anlass: ein Kongress, eine Hauptversammlung, ein Gipfeltreffen, bei dem Sie voraussichtlich sprechen werden. Daran lässt sich konkret arbeiten, und die Rede erhält von Beginn an einen Adressaten, der nicht abstrakt bleibt.

Bringen Sie außerdem ein bis zwei frühere Reden oder Foliensätze mit, auch solche, mit denen Sie unzufrieden waren. Sie zeigen uns Muster, die sich wiederholen, etwa ein zu später Kern oder ein Einstieg, der Höflichkeit statt Neugier erzeugt. Diese Muster zu erkennen, spart im Jahrgang erstaunlich viel Zeit.

Und planen Sie Raum für Streichungen ein. Die besten Ergebnisse entstehen bei Teilnehmenden, die bereit sind, ihre Lieblingsstellen zur Diskussion zu stellen. Ob ein Gedanke bleibt, entscheidet dann nicht die Gewohnheit, sondern das Auditorium, das wir gemeinsam vor Augen haben.

  • Einen konkreten Anlass für Ihre Keynote
  • Ein bis zwei frühere Reden oder Foliensätze
  • Die Bereitschaft, Gewohntes zu kürzen

Dramaturgie für große Auditorien ist handwerkliche Arbeit: lesen, ordnen, streichen, sprechen, wieder ordnen. Es gibt keinen Kniff, der eine Rede trägt, sondern eine Folge kleiner Entscheidungen, die der Saal am Ende als Ruhe und Richtung wahrnimmt. Wenn Sie sich fragen, wie Ihre Keynote vom ersten Satz bis zum Schlussbild geführt werden könnte, beginnt die Antwort meist an der Wand mit den Karten.

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